5750m und ein paar Zerquetschte
Was fuer eine Woche! Cocatee, Thomapyrin und Wadln wie Hermann Maier … das sind die wichtigsten Zutaten fuer 6 Tage ueber 4000m.
Donnerstag 15.01.2009 - Ruco Pichincha - 4698m
Von Quito (2900m) gehts mit dem Taxi zur “Teleferiqo”-Seilbahn, die uns in 10 Minuten auf Quitos Hausberg “Ruco Pichincha” bringt. Haben wir schon erwaehnt das Autofahren in Ecuador nur etwas fuer Adrenalinjunkies ist? Auf jeden Fall haben wir auf dem Weg zur Teleferiqo unseren ersten Autounfall (Auffahrunfall mit Taxi) … tja … man sollte bei gruener Ampel vorwaerts und nicht rueckwaerts fahren.
Der unbeschilderte Weg von der Bergstation auf 4000m zum Gipfel des erloschenen Vulkans Ruco Pichincha dauert ca. 3,5h … mit Nebel, rutschigen Kletterpassagen, Adrenalin und langsam bemerkbarer Sauerstoffarmut. Auf dem Weg treffen wir Yvonne und Franz aus Bayern, mit denen wir dann nicht nur den Ruco Pichincha erklimmen sondern auch am Iliniza Norte gemeinsam frieren. Praktischerweise ist der Franz beim DAV (Deutscher Alpin Verein) und damit ein alter Bergfuchs und somit begnuegen wir uns nicht mit dem langweiligen Schotterweg zum Gipfel, sondern waehlen den spannenderen Weg ueber die Felsnase.
Nach 2h Rueckweg gehts mit der Teleferiqo wieder in 10 Minuten auf “angenehme” 2900m … unser Kopf hat anscheinend nix gegen Aufstiege mit Sauerstoffarmut … aber leider etwas gegen rasche Abstiege … schon mal das Gefuehl gehabt euer Kopf zerplatzt?
Auf dem Weg zurueck zum Hostel haben wir Autounfall Nummer 2 … inklusive Fahrerflucht. Man sollte nicht zu knapp an einem anderen Auto vorbeischneiden. Polizei haelt das naechste Privatauto an … springt rein und verfolgt den Fluechtigen. Ein Spass :-).
Um den Spass noch zu steigern gibts auf dem Heimweg einen regionsweiten Stromausfall. Juhu … Anarchie! Selbsternannte Polizisten regeln den Verkehr … nicht hilfreich wenn sieben Maenner die Autos gleichzeitig in vier Richtungen schicken. Fuer 500m braucht man dann 1h. Geduscht wird im Dunkeln … gegessen in einer Pizzaria bei Kerzenlicht … heimgegangen im Schatten von drei “aelteren” Schweizern :-).
Freitag 16.01.2009 - Hausberg Chaupi - 3500m
Am Freitag gings dann mit Guide in Richtung Chaupi (ca 3000m) … Ausgangspunkt fuer die Besteigung des Iliniza. Damit unsere Wadln nicht kalt werden spazieren wir am Nachmittag im Regen und Nebel querfeldein auf irgendeinen “Huegel” in der Naehe von Chaupi … Gipfel darf man da gar nicht sagen … hoechster Punkt um sich ein Snickers zu goennen war auf ca 3500m.
Ecuadorianer sparen sich das Heizen … in der Stadt wirds damit schon ein bissl kalt in der Nacht … am Land bzw am Berg entsprechend “cool” ;-). Endlich bekommen unsere halbwegs warmen Schlafsaecke ihre “Mitschleppberechtigung”.
Samstag 17.01.2009 - Iliniza Norte - 5116m
Um 5h in der Frueh gehts bei stroemenden Regen mit einem 4WD (Allrad) auf 3800m. Ein kleiner Exkurs in ecuadorianische Bergstrassenkunde: Man nehme einen Bagger … fahre einen Berg hinauf und grabe eine Schneise … die laesst man dann ueber Jahre hinweg von Regen ausschwemmen … voila … fertig ist die Bergstrasse. Wir hatten in den vergangen Tagen mehr Angst beim 4WD-fahren als irgendwo auf Schnee, Eis oder Felsen. Ich habe nicht nur 1x gebetet waehrend dem Autofahren. Das ist kein Scherz!
Gut … in stroemendem Regen gehts mit vollbepackten grossen Rucksaecken (Steigeisen, Eispickel, Verpflegung, Handschuhe usw) Richtung Iliniza Norte (erloschener Vulkan). Nach einiger Zeit wird der Regen gottseidank leichter … und wird dann wiederrum von Schneefall abgeloest. In Ecuador aendert sich das Wetter sowieso alle 10 Minuten. Regen und Sonnenschein innerhalb von 15 Minuten sind keine Seltenheit … bei uns loesen sich jedoch meist nur Regen und Nebel gegenseitig ab. Auf 4700m … nass bis auf die Unterwaesche … fix und fertig … queren wir dann ein Schneefeld und sehen eine kleine abgegangene Lawine vor uns. Ein paar Schneeschichttests spaeter ist klar, dass wir lieber nicht mehr weitergehen sollten. So gibts also keinen Iliniza-Norte-Gipfel fuer uns :-/ … an diesem und am naechsten Tag haben aber anscheinend alle Gruppen an dieser Stelle (oder auf der Alternativroute) umgedreht. Hoechster Punkt fuer diesen Tag ist also 4700m.
Sonntag 18.01.2009 - Ruminahui - 4712m
Am Sonntag gehts in Richtung Cotopaxi Nationalpark. Um unsere Akklimatisationstraining nicht zu unterbrechen besteigen wir mal schnell den erloschenen Vulkan “Ruminahui“. Startpunkt ist bei ca 3500m. WIr werden im 2,5h-Aufstieg nach alter Tradition von Nebel begleitet … zur Abwechslung gibts sogar eine kleine Hagel-Einlage. Das Gipfelgefuehl ist irgendwie getruebt wenn man grad mal 5m weit sieht. “Normally you can see the big crater from here”. Great!
Es gibt aber dann doch einen Hoehepunkt an diesem Tag … auf dem 2 stuendigen Rueckweg lichtet sich der Cotopaxi … und nach einigem Warten gibts dann eine echt beeindruckende Aussicht auf unsere grosses Ziel. Konisch-foermige Vulkane habens mir/uns einfach angetan … die Sucht hat bereits vor ein paar Jahren beim “Taranaki” in Neuseeland begonnen.
Geschlafen wird in einer “Cabana” auf 3400m … ein bissl Holz, ein Dach und fertig ist eine Cabana … no shower today … no electricity today … Kerzenschein ist auch schoen … und mitten in der Nacht leicht frierend aufwachen auch … gottseidank gibts ein paar Decken die man sich zusaetzlich zu langer Unterwaesche, Innenschlafsack und Schlafsack noch ueberwerfen kann.
Montag 19.01.2009 - Cotpaxi Refuge - 4800m
Entspannung vor der grossen Nacht. Zu diesem Zweck marschiert man mit der gesamten Ausruestung in 45 Minuten von 4600m auf 4800m zum Refuge Cotopaxi. 45 Minuten fuer 200 Hoehenmeter … ja, das hat einen Grund! … warum in Serpentinen gehen, wenn man auf einer Schotterpiste auch ganz einfach direkt bergauf stapfen kann … bei duenner Luft und schwerem Rucksack.
Kleines Steigeisen-und-Eispickel-1×1 hinter der Huette am Nachmittag, Abendessen um halb6, schlafengehn um halb7. Der Versuch zaehlt schon oder? Sonja schafft 2h … ich 0h. Perfekte Ausgangslage fuer einen anstrengenden Tag. Naja … irgendwie hats mich ziemlich geschreckt als ich mein Herz wie wild bumpern gehoert hab, obwohl ich ganz gemuetlich und ruhig in meinem Schlafsack gelegen bin. Tja … 4800m halt.
Dienstag 20.01.2009 - Cotopaxi - 5897m
Um 23:00 erwacht die ganze Huette schoen langsam … um Mitternacht ists dann aber soweit. Anziehen, Fruehstueck und um 1:00 heisst dann “Auf gehts Burschen”. Sonja das einizige Maedl, dass an diesem Tag zum Gipfel des aktiven Cotpaxi aufbricht.
Wir sind angedirndlt bis ueber beide Ohren … mindestens 4 Schichten Gewand + Klettergurt + Hardboots + Steigeisen + Eispickel + Gesichtsmaske + Headlamp + Handschuhe. Bequem! Dazu noch einen Rucksack mit Fluessigkeit … die leidergottes 2h spaeter schon den Gefrierpunkt erreicht hat … ein Snickers (ebenfalls schwer zu kauen wenn fast gefroren) … Kamera (lustig langsam bei gefuehlten -25-Grad).
6h stapft man in Schritttempo bergauf … steil bergauf … direkter Weg zum Gipfel … Serpentinen sind nur was fuer Warmduscher. Der Kopf ist ein bissl gaga von zuwenig-bzw-kein-Schlaf und Sauerstoffarmut. Man schaut also besser auf den Boden … Schritt fuer Schritt … Links, Rechts. Wir haben Glueck … sternenklare Nacht … schaut man bei den 2 kurzen Trinkpausen in die Umgebung bleibt einem die knappe Luft ganz weg. Sooo schoen … Quito glueht am Horizont. Es gibt wirklich nur 2 Pausen … extrem kurz weil man sonst komplett einfriert … das ehemals heisse Wasser ist beinahe eingefroren … auch nicht sehr hilfreich. Sonst geht man ununterbrochen stundenlang Schritt fuer Schritt bergauf. Dann kommt nach einer Stunde der Wind dazu … fuer uns das Schlimmste an der ganzen Wanderung. Wie Lukas van Leon so schoen vor einem Jahr in seinem Blog geschrieben hat: “… hoert man auf seinen Koerper waer man gar nicht erst losmarschiert … bzw haette bald umgedreht …”. Ich sage mir laut vor “Wir schaffen das, wir schaffen das!” … bei Sonja reicht es nur fuer “Links … Rechts … Links …”. Gegen 6:00 startet die Daemmerung … Hoffnung auf ein paar Grad mehr. In der Zwischenzeit haben bereits 3 Gruppen vor uns umgedreht. Ein Franzose hat sich 2x uebergeben “Thats normal … its better afterwards!” … Sonja stampft brav weiter. Um 7:00 erreichen wir 5750m … das letzte wirklich abgefahren steile Stueck zum Gipfel und da beschliesst unser Guide dem Ganzen einen Schlussstrich zu verpassen und sagt Sonja, dass sie das nicht hinauf schafft. Ein Todesstoss, wenn man ohnehin bereits Stunden mit sich selbst kaempft und weit ueber das eigene Limit hinausgegangen ist. Wir stellen uns auf unsere Hinterbeine … was heisst da “nicht schaffen” … wir moechten es zumindest versuchen. Widerwillig laeuft (!) uns der Guide davon … wir sind aber mit ihm mit einem Seil verbunden und laufen mit … und laufen ist bei dieser Hoehe echt nicht mehr drinn. Nach 5 Minuten beenden wir mitten in der Steilpiste das ganze Theater. Offensichtlich hat der Guide seine Kollegen beneidet, die sich schon auf dem Rueckweg befunden haben.
Sonja ist am Boden … den Gipfel vor Augen … motiviert bis unter den eingefrorenen Zehen. Mein Motto war immer “Gemeinsam hinauf und gemeinsam auch wieder runter”. Vielleicht solls nicht sein. Trotz klarer Aussicht (die beste seit Wochen wie uns die wenigen Gipfelstuermer spaeter versichern). Ich bin unendlich stolz auf uns … irgendwo zwischen 5750m und 5800m … ca 100m und 1h bergsteigen vom Gipfel entfernt … endet unser Abenteuer. Egal. Ich bin echt stolz. (Super … jetzt haben wir wieder beide Traenen in den Augen)
2h Abstieg … mit dem Guide sprech ich (fast) kein Wort mehr. Die Aussicht ist einfach atemberaubend. Und erst jetzt sehen wir den Weg den wir hinaufgegangen sind … verdammt oag … ewiglange schwarze Pisten steil bergauf.
Quilotoa und Saquisili
Zurueck in Quito haun wir uns unter die Dusche … goennen uns ein gutes Mittagessen … und rasten uns auss. Das Verrueckteste: vor Cotopaxi haben wir jeden Tag unsere Muskeln gespuert … nach Cotopaxi nichts … strange!
Gestern gings dann mit gefuehrter Tour nach Saquisili zu einem Einheimischen-Markt. Grossviehmarkt (Schafe, Lamas, Kuehe, Schweine), Kleinviehmarkt (Meerschweinchen, Katzen, Huehner, Fische, usw … alle zum Verzehr bestimmt!!) und Crafts-Market (Hauben, Schals, Ponchos, usw). Leider bzw gottseidank haben wir nicht viel Zeit ;-). Weiter geht die Tour zum Quilotoa-Kratersee … 2-3h Autofahrt … durch ziemlich schoene Landschaft … man sieht links und rechts die Indogene-Bevoelkerung am Feld arbeiten … freilebene Lamas … echt beeindruckend! Zu Fuss in ca 45 Minuten zum Quilotoa-Kratersee hinunter … ein kleines Kajakabenteuer fuer den Andre … und dann mit Mulis wieder zurueck den Berg hinauf. “Poor Muli”.
Zum Abschluss noch was Lustiges
In Ecuador (und vermutlich auch in Peru) wird das gebrauchte Toilettenpapier NICHT den Abfluss hinuntergespuelt, sondern in den (manchmal offenen) Mistkuebel neben der Toilette geworfen … sonst besteht die Gefahr einer Verstopfung … oke … das mag man vermutlich auch nicht so gern.
Wir haben lang ueberlegt wie es weitergeht … der Jungle im Norden ist sicher toll, aber potentiell gefaehrlich aufgrund der Naehe zu Kolumbien (die Farc versteckt sich gern im Jungle). Unsere Route geht daher weiter Richtung Sueden.
Das Essen in Suedamerika ist besser als in Australien … vor allem koennen die echt gute Suppen kochen.
In Quito leben ueber 2 Mio Einwohner … das ist kein kleines Staedtchen.
Mietauto in Ecuador … haha.
Der Dollar ist mir zu stark.
Über den Eintrag
- Veröffentlicht am:
- 24.01.2009
- Autor:
- Andre
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